1 Jahr ohne social media.
- 7. Dez. 2021
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Feb. 2024
wieso? weshalb? warum?

Wow, was für ein Experiment! Komplett kein Instagram, Youtube, Facebook und sehr eingeschränkte Whatsapp & Handy Nutzung.
Und das während Corona, während ALLES digital wird, während man sich die Frage stellt, ob man so überhaupt (über-)leben kann im Jahre 2021! Nee jetzt mal im Ernst: Ja es ist möglich und man gewinnt mehr, als ich hier aufschreiben könnte. Aus drei Monaten, die ich dieses Experiment wagen wollte, wurde ein ganzes Jahr! Ungeplant habe ich alle paar Monate neu reflektiert, ob ich weiter machen sollte ohne und dann war es für mich klar: ich mache ein Jahr lang digitales Fasten. All in. Ganz oder gar nicht. Ich will es wissen. Wer bin ich, wenn das alles wegfällt? Hab ich dann noch Freunde, wenn ich nicht jeden Tag mit Leuten schreibe? Erwarten Familie, Freunde, Arbeit nicht, dass ich ständig erreichbar bin? Kann ich besonders während der momentanen Lage noch Cafés, Kirche und Museen besuchen, ohne mein Handy dabei zu haben? Das war tatsächlich das komplizierteste. Ja, und wie finde ich den Weg ohne Google Maps? Achso, und wie verbringe ich meine Zeit, was mache ich besonders abends?!
Ganz am Anfang stand für mich die SEHNSUCHT nach mehr…bzw. in einem Wort: WENIGER!
Weniger in allen Bereichen meines Lebens, weniger Zeug, weniger oberflächliche Freundschaften, weniger Handy & social media, weniger Stress & Hetze, weniger To-do’s, weniger durchs Leben rennen (worin ich eine Spezialistin war), weniger hier und da und nirgends so richtig sein.
Eine Sehnsucht nach Entschleunigung, nach STILLE, Ruhe, nach mir, nach dem wer ich wirklich bin. Nach Zeit für Kreativität, für Schreiben, Malen, Töpfern, eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität, nach Gott, danach ihn zu suchen und zu finden. Nach echten, tiefen und wahrhaftigen Freundschaften, nach gesunden Beziehungen, nach Natur und einem Leben im Rhythmus der Natur, nach mehr Frieden in meinem Leben. Ob alle diese Sehnsüchte und Wünsche nach dem Jahr erfüllt sind, erfährst du später, aber definitiv habe ich das wichtigste von allem, und ich würde sagen, das eine erkannt und (nochmal ganz neu) gefunden in dem sich alles vereint: Jesus.
Aber ja, die eigentliche Entscheidung dahinter und für dieses Experiment war, weil ich ganz einfach gemerkt habe, dass mir Social Media und die viele Handynutzung nicht gut getan hat. Durch Instagram habe ich mich mit anderen verglichen und oft nach dem Nutzen der App gefühlt, als ob mein Leben langweilig wäre oder dass ich jetzt lieber auch auf einem Yoga Retreat in der Karibik wäre als an meinem Schreibtisch im kalten Deutschland. Das hat sich negativ auf mich ausgewirkt. Für mich war es ein Dauerstress, ständig erreichbar sein zu müssen, immer das Gefühl zu haben, mit unbeantworteten Nachrichten nicht hinterher zu kommen, zu merken, dass ich es nicht schaffe mit allen, die ich so lieb habe so oft, wie ich gern würde, zu schreiben oder zu telefonieren. Rund um die Uhr mit Informationen, was überall auf der Welt (schreckliches!) passiert konfrontiert zu werden, hat mich sehr belastet. Ich konnte schlecht (ein-)schlafen, wenn ich abends am Handy war und Youtube oder Netflix geguckt hab. Ich konnte mich nur schwer wirklich auf die „realen“ Menschen um mich herum einlassen, wenn mein Handy an und dabei war und ich habe mich ständig überreizt und „unter Strom“ gefühlt.
Der digitale Wahnsinn
Als ich dann das Buch „the ruthless elimination of hurry“ von John Mark Comer gelesen habe, in welchem er darüber schreibt, wie man emotional gesund bleiben kann bei dem ganzen digitalen Wahnsinn der auf einen einprasselt, war für mich klar, ich will so nicht mehr leben.
Wie oft wir am Tag unser Handy benutzen, wie viele Stunden wir an Bildschirmen, im Netz, online und auf social media verbringen ist ERSCHRECKEND und dass es viel zu viel für uns ist und uns in vielen Aspekten nicht guttut, ist den meisten bekannt, denke ich. Dass bei jedem Klick, Like, Nachricht Glückshormone ausgeschüttet werden und unser Belohnungssystem aktiviert wird wohl auch. Wie das Wort Sucht definiert ist und wie sich süchtige verhalten wissen die meisten von uns ebenfalls. Und falls nicht: wir sind es alle! Facebook, Google, Youtube & Co. sind so designt, dass sie so viel unserer Aufmerksamkeit und Zeit wie nur irgendwie möglich konsumieren und einfordern. Wir sind mittlerweile mit unserer Aufmerksamkeitsspanne bei der eines Goldfisches angekommen (Wow!) und schaffen es nicht ohne ständige Stimulation im Sinne von Beschäftigung, Ablenkung und „Berieselung“.
Du nicht? Du bist nicht abhängig und süchtig? Okay, dann probier' mal 24h am Stück dein Handy, Laptop, Fernseh & Co. komplett auszuschalten, lass es einen „digitalen Sabbat“ oder ein Experiment sein und schau ob du es ohne Entzugserscheinungen aushältst. 😉 Ich meine es ernst! Aber versteh‘ mich hier nicht falsch, da ist sehr viel Gutes an social media, Google, Youtube usw., ich bin auch nicht gegen den Fortschritt und nutze es selbst gerne und oft! Aber in Maßen, wohlüberlegt und mit klaren GRENZEN.
Und um diese Grenzen zu setzen, um diese neue Kompetenz zu erlernen, gut und angemessen mit social media usw. umzugehen, so dass es mich nicht runterzieht und nicht dauer-stresst, ist ein radikaler „Entzug“ nötig gewesen. Ich kann nur aus meiner Sicht, Erfahrung und dem, was ich gelernt habe sagen: eine radikale Elimination, ein radikaler Abstand und eine radikale Grenzziehung kann dabei helfen, eine Sicht von außen auf das Ganze zu bekommen und dann eine neue Freiheit zu entdecken.
Durch den radikalen Entzug und Abstand ist mir erst nochmal bewusster aufgefallen, wie getrieben und gefangen wir alle sind! An mir selbst ist mir in den ersten Wochen und Monaten immer wieder zwischendurch eine Leere aufgefallen, dieses „was mache ich denn jetzt?“. Was mache ich denn jetzt, wenn ich beim Arzt warte, da nix zu lesen liegt und ich mein Handy nicht dabei hab? Was mach ich, wenn ich abends heimkomme, alleine bin und mich entschlossen hab nach 18 Uhr keinen Bildschirm zu nutzen? Warum tu ich mir das an? Übertreib ich? Muss das sein, Luisa? Komm lass es doch einfach, wen juckt es, macht doch eh jeder und ist jetzt auch nicht so schlimm, wenn du „schummelst“. Wow, die Versuchung aufzugeben war SO GROSS!!! Echt, so oft dachte ich, Alter warum machst du sowas? Ich hab mich leer, alleine und verlassen gefühlt, so als ob ich nicht (mehr) dazu gehören würde und wusste nichts mit mir anzufangen ohne das alles. Traurig, aber wahr.
But this is not the end. Thank god. Ich glaub es lag auch an meiner sehr prägenden Ausbildung zur Yogalehrerin, die ich dann gemacht habe. Und daran, dass wir geheiratet haben. Und daran, dass ich zur Seelsorge gegangen bin und das, was da sich da so leer und dunkel angefühlt hat anschauen und bearbeiten konnte. Aber im Ernst, was ich dann gefunden habe ist kaum zu beschreiben. Das Leben irgendwie! Ich bin stundenlang spazieren gegangen und konnte mir Zeit lassen, alleine und in Ruhe staunen über Wassertropfen auf Grashalmen und besondere Vögel und Blumen und Kräuter sammeln und den Regen auf der Haut spüren und in die kalte Lahn – unser Fluss um die Ecke – springen. Ich habe Gedichte geschrieben, das Leben gezeichnet, Häkeln und Sticken ausprobiert, mein Sauerteig Brotbacken auf ein neues Level gebracht, Bücher gelesen bis zum umfallen haha, so viele Bücher!, habe Menschen tiefer kennengelernt und bedeutungsvolle Freundschaften gelebt. Und vor allem hatte ich Zeit, mich kennen zu lernen und mir Gedanken darüber zu machen, wie ich leben möchte. Zeit, mich mit dem zu beschäftigen, was wirklich wichtig ist. Zeit die Bibel zu studieren, Zeit in Gottes Gegenwart zu sitzen oder zu liegen, einfach zu sein. Zeit für Kontemplation und Meditation, für Heilung und Reifung.
Das alles ist nicht abgeschlossen, so in dem Sinne „jetzt bin ich voll gereift und geheilt und weiß, wie man gut leben kann“ – überhaupt nicht, ich denke, das ist ein lebenslanger Prozess und ich freue mich, dass immer es immer wieder Herausforderungen und Experimente wie dieses geben wird, an denen ich weiterwachsen und dazu lernen kann!
Und zum Schluss: was verändert sich nach diesem Jahr? Was tue ich ganz konkret und praktisch, um einen für mich gesunden Umgang mit social media, dem Handy und dem schnellen, hektischen Leben(-salltag) zu kultivieren? Dafür habe ich in diesem Beitrag meine 10 praktischen Entscheidungen, um im digitalen Alltagswahnsinn gut & gesund zu leben bzw. weiterzuleben zusammengefasst.
Außerdem kannst du dieses Video (mein erstes Youtube Video, Woho!) anschauen, in welchem ich nochmal das Jahr ohne social media reflektiere und zusammenfasse wieso, weshalb, warum.
herzlich, Luisa




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